3. DIE WISSENSCHAFTLICHE ERSCHLIESSUNG DER 1505 WATCH

Der interdisziplinäre Forschungsprozess

In den vergangenen Jahren haben neue technologische und digitale Untersuchungsmöglichkeiten den Zugang zur 1505 Watch grundlegend erweitert. Während frühere Untersuchungen auf äußere Betrachtung, einzelne Befunde und begrenzte technische Einblicke eingeschränkt waren, lassen sich heute die räumlichen, materiellen und funktionalen Zusammenhänge der Uhr untersuchen. Konstruktion, Materialität, Oberflächenstruktur, Gebrauchsgeschichte und mechanische Funktionsweise können dadurch mit einer bislang nicht erreichbaren analytischen Präzision erfasst und verstanden werden.

Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren wurden historische Forschung, uhrmacherische Expertise, materialwissenschaftliche Analysen, hochauflösende Mikrofotografie, industrielle Messtechnik, Computertomographie, digitale Segmentierung und funktionale Simulation in einem interdisziplinären Forschungsprozess miteinander verbunden. Ziel war eine möglichst umfassende wissenschaftliche Erschließung, bei der die einzelnen Merkmale nicht isoliert, sondern in ihren wechselseitigen Zusammenhängen untersucht wurden.

Die industrielle Computertomographie ermöglichte es, die innere Struktur der Uhr räumlich und ohne Demontage zu erfassen. Die dabei gewonnenen Daten machen die Bauteile in ihrer Lage, Geometrie und Beziehung zueinander sichtbar. Durch die digitale Segmentierung konnten die einzelnen Komponenten – vom Pomander bis zu den kleinsten Teilen des Uhrwerks – in den computertomographischen Daten einzeln abgegrenzt und hinsichtlich ihrer Geometrie, Lage sowie ihrer konstruktiven und funktionalen Beziehungen ausgewertet werden.

In Verbindung mit Mikrofotografie und materialwissenschaftlichen Analysen entstand daraus eine hochpräzise und aussagekräftige Datengrundlage für die weitere Untersuchung des Artefakts und des Zusammenwirkens seiner Bestandteile.

THE 1505 WATCH - Segmentation - Digital Twin Project
The 1505 Watch Movement - Miniaturization - Pins

Der digitale Zwilling

Auf dieser Grundlage wurde 2025/2026 in Zusammenarbeit mit einem international führenden Anbieter von Softwarelösungen für digitale Produktentwicklung, 3D-Konstruktion und industrielle Simulation ein digitaler Zwilling der 1505 Watch generiert. Die aus den computertomographischen Daten gewonnenen Geometrien wurden digital rekonstruiert und ihre Bewegungs- und Funktionsbeziehungen in einem konsistenten Modell zusammengeführt.

Dieser digitale Zwilling ist nicht lediglich eine dreidimensionale Darstellung der Uhr, sondern ein physikalisch-funktionales Simulationsmodell. Er ermöglicht es, mechanische Bewegungsabläufe sowie Kräfte, Reibung, Belastungen und funktionale Wechselwirkungen zwischen den Bauteilen digital nachzuvollziehen. Dadurch lässt sich untersuchen, welche konstruktiven Beziehungen, Toleranzen und Justierungen erforderlich sind, damit das Uhrwerk als mechanisches System funktionieren kann.

Im digitalen Modell lassen sich Parameter und Bauteilgeometrien variieren, ohne in das historische Artefakt einzugreifen. Minimale geometrische Abweichungen und idealisierte Ausführungen einzelner Bauteile können als Vergleichsmodelle simuliert und in ihren Auswirkungen auf die mechanische Funktion untersucht werden. So lässt sich nachvollziehen, wie empfindlich die Funktionsfähigkeit der Uhr auf Veränderungen in konstruktiver Auslegung, Fertigung, Montage und Justierung reagiert.

Simulationen allein können den Ursprungszustand inzwischen abgenutzter Teile nicht nachweisen. Sie ermöglichen jedoch Rückschlüsse auf die ursprüngliche Konstruktion und die Formulierung überprüfbarer Hypothesen zur erforderlichen handwerklichen Präzision, zu späteren Eingriffen und zur mechanischen Leistungsfähigkeit.

Vom Einzelbefund zum Gesamtverständnis

Die entscheidende wissenschaftliche Erkenntnisleistung liegt nicht in einem einzelnen Untersuchungsverfahren, sondern in der Zusammenführung der Ergebnisse unterschiedlicher Fachdisziplinen zu einem Gesamtverständnis der 1505 Watch.

Die objektbezogene Forschung wurde durch philosophische, kulturwissenschaftliche und techniktheoretische Perspektiven ergänzt. Sie erweiterten die historische, uhrmacherische, materialwissenschaftliche und ingenieurtechnische Erschließung um die Frage, welche Bedeutung der 1505 Watch für die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Mensch, Maschine und Zeit zukommt. Dabei wurden auch gegenwärtige Diskurse des Transhumanismus einbezogen. In der Verbindung dieser Perspektiven lässt sich die 1505 Watch in ihrem historischen, technischen, materiellen und kulturellen Gesamtzusammenhang erschließen und verstehen.

Der digitale Zwilling bildet dabei eine fortschreibbare Forschungsgrundlage. Neue Befunde können einbezogen, Annahmen präzisiert und Simulationsparameter weiterentwickelt werden. Er markiert deshalb nicht den Abschluss der wissenschaftlichen Erschließung, sondern eröffnet eine neue Ebene weiterführender Forschung, auf der das Verständnis der 1505 Watch kontinuierlich überprüft, vertieft und erweitert werden kann.

The Investigation Project 1505 Watch by IWP Neuss
Universität Bern - XRF Technology - The 1505 Watch
1505 w3atch - High Microphotography - Shooting Germany

World`s First Watch
Year 1505 in Nuremberg
By Peter Henlein

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