ZEIT WIRD PERSÖNLICH

7. DER URSPRUNG PERSÖNLICHER ZEIT

Über Jahrtausende hinweg war Zeit vor allem öffentlich, ortsgebunden und gemeinschaftlich erfahrbar:

durch den Lauf der Sonne, den Wechsel der Jahreszeiten, religiöse Rhythmen, Glocken, Türme und öffentliche Uhren. Die mechanischen Uhren des Spätmittelalters erhöhten die Genauigkeit und Verbindlichkeit dieser Zeitordnung. Wer sich an der Zeit orientieren wollte, blieb jedoch weiterhin auf einen bestimmten Ort oder ein äußeres Signal angewiesen.

 

Mit der 1505 Watch veränderte sich dieses Verhältnis grundlegend. Mechanische Zeitmessung wurde so weit miniaturisiert und in eine am Körper getragene Form integriert, dass sie sich von ihrer Bindung an einen festen Ort lösen und den Menschen unmittelbar begleiten konnte. Eine funktionierende Maschine wurde zum persönlichen Begleiter und machte Zeit körpernah sichtbar und ablesbar.

 

Der entscheidende historische Schritt ging über die bloße Transportierbarkeit hinaus. Ein transportierbares Objekt kann von einem Ort zum anderen bewegt werden; eine tragbare Uhr ist hingegen dafür konzipiert, am Körper getragen zu werden und den Menschen zu begleiten. Damit entstand eine neue Kategorie mechanischer Zeitmessung: die am Körper tragbare mechanische Uhr.

Darin liegt der Ursprung persönlicher Zeit. Gemeint ist damit nicht das individuelle Zeitempfinden – also die Erfahrung, dass Zeit je nach Situation schneller oder langsamer zu vergehen scheint. Ebenso wenig bedeutet persönliche Zeit, dass der Mensch den Verlauf der Zeit beherrschen oder bestimmen konnte. Neu war vielmehr die persönliche Verfügbarkeit mechanisch gemessener Zeit am eigenen Körper. Sie konnte zu einem unmittelbaren Bezugspunkt des eigenen Tages, des eigenen Handelns und der eigenen Orientierung werden. Die öffentliche Zeitordnung wurde dadurch nicht ersetzt, sondern um eine körpernahe und persönliche Zeitbeziehung erweitert.

Aus dieser Verbindung zwischen Mensch, Maschine und Zeit führt eine Entwicklungslinie über Taschen- und Armbanduhren bis zu den heutigen körpernahen digitalen Systemen. In ihrem Verlauf traten technische Systeme zunehmend in die persönliche Lebensführung ein; langfristig entstand daraus eine immer engere Verbindung zwischen Mensch, Technik, Information und Entscheidung.

Das folgende Kapitel zeigt, wie aus dieser persönlichen Zeitbeziehung eine neue Form menschlicher Orientierung hervorgeht und welche Rolle die Gestaltung des Pomanders, insbesondere seine Inschrift, dabei einnimmt.

THE 1505 WATCH NÜRNBERG - WATCH OF PETER HENLEIN
The 1505 Watch - Micro Photography Symbolism_Portrait Nuremberg
The 1505 Watch Pomander Capsule Open Hand

World`s First Watch
Year 1505 in Nuremberg
By Peter Henlein

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